Klimarisikoanalyse: Welche betrieblichen Auswirkungen Extremwetter heute schon hat

Extremwetter ist kein Zukunftsszenario mehr, es trifft Unternehmen heute, mitten im laufenden Betrieb. Niedrigwasser legt Transportwege lahm, Hitzewellen belasten Kühlsysteme und Personal, Starkregen beschädigt Anlagen und Lager. Eine Klimarisikoanalyse hilft Unternehmen, diese physischen Risiken systematisch zu erfassen, zu bewerten und gezielt gegenzusteuern, bevor der nächste Extremsommer die Entscheidung erzwingt.

7 Min.
20. August 2026
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Klimarisiken treffen Unternehmen bereits heute

Im Sommer 2026 wird der Rhein für mehrere deutsche Industrieunternehmen zum kritischen Engpass. Anhaltende Hitze und Dürre lassen den Pegel bei Kaub auf historische Tiefststände sinken — am 14. August 2026 werden nur noch sechs Zentimeter gemessen, der niedrigste Stand seit Beginn der Aufzeichnungen (Deutschlandfunk, 2026).

Frachtschiffe können nur noch einen Bruchteil ihrer üblichen Ladung transportieren. Lanxess verlagert Transporte auf Bahn und Straße, weil einzelne Lade- und Entladestellen nicht mehr erreichbar sind. Bei Covestro beeinträchtigt das Niedrigwasser die Rohstoffversorgung einzelner Betriebe und die Lieferung bestimmter Produkte. Evonik meldet Auswirkungen auf die Produktion im Chemiepark Marl (WDR, 2026; Die Zeit, 2026).

Laut einer IHK-Umfrage unter 170 Unternehmen entlang des Rheins melden 78 Prozent höhere Kosten, fast jedes dritte Unternehmen schränkt die Produktion ein (IHK via Die Zeit, 2026). Das Beispiel zeigt: Extremwetter trifft Unternehmen nicht erst, wenn Wasser in eine Werkhalle eindringt. Es genügt, wenn ein zentraler Transportweg ausfällt. Niedrigwasser, Hitzewellen und Starkregen unterbrechen heute schon Lieferketten, Produktionsprozesse und Energieversorgung. Das sind keine abstrakten Zukunftsszenarien.

Welche wirtschaftlichen Folgen Extremwetter beispielsweise haben kann

Extremwetter trifft Unternehmen auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Lieferketten, Gebäude, Personal und Energieversorgung können in ein und demselben Ereignis betroffen sein. Typische Schadenskategorien sind:

  • Lieferkette und Logistik: Niedrigwasser, Überflutungen oder Sturm unterbrechen Transportwege und erhöhen Frachtkosten.
  • Gebäude und Anlagen: Starkregen und Hochwasser verursachen direkte Sachschäden an Gebäuden, Maschinen und Lagerbeständen.
  • Produktivität und Personal: Hitzewellen senken die Arbeitsleistung, erhöhen den Krankenstand und können Außenarbeiten zeitweise unmöglich machen.
  • Energieversorgung: Niedrigwasser schränkt Wasserkraft und Kühlkapazitäten ein; Hitzewellen erhöhen den Kühlbedarf gleichzeitig.
  • Versicherungskosten: Steigende Schadenshäufigkeit treibt Prämien und Selbstbehalte nach oben (GDV, 2025).

Ein konkretes Beispiel zeigt, wie eng diese Kategorien zusammenhängen: Niedrigwasser auf dem Rhein reduziert Frachtkapazitäten drastisch, mit direkten Folgen für Industrie, Logistik und Energieversorgung. BDB-Geschäftsführer Jens Schwanen beschrieb die Lage im August 2026: „Im Prinzip ist der Rhein damit nicht mehr durchgängig befahrbar und damit zweigeteilt." (Tagesschau, 2026)

Die Zahlen belegen das Ausmaß: Schiffe fuhren teilweise nur noch mit einem Drittel ihrer regulären Frachtkapazität (Tagesschau, 2026). Bereits 25 Prozent weniger Frachtkapazität bedeuten knapp 3 Millionen Tonnen weniger Güter pro Monat und rund 120.000 zusätzliche Lkw-Ladungen (DIHK via Tagesschau, 2026). Allein 2024 wurden rund 20 Millionen Tonnen Chemieerzeugnisse per Binnenschiff transportiert (Tagesschau, 2026). Auch die Energieversorgung leidet: Das Wasserkraftwerk Iffezheim am Oberrhein musste seinen Betrieb bei Niedrigwasser einschränken (Tagesschau, 2026).

Praxisbeispiel: Qualitätsverluste in der Kunststoffindustrie

Die Feuchtkugeltemperatur beschreibt die Temperatur, die sich durch Verdunstungskühlung bei ausreichender Luftbewegung theoretisch erreichen lässt. Sie berücksichtigt sowohl die Lufttemperatur als auch die Luftfeuchtigkeit (ASHRAE, 2021). Je höher die Feuchtkugeltemperatur, desto geringer ist das Kühlpotenzial von Verdunstungs- und Nasskühlsystemen (ASHRAE, 2020).

Das kann auch die Prozesskühlung in der Kunststoffverarbeitung beeinflussen. Wenn Rückkühlwerke oder andere Kühlsysteme mit Verdunstungsanteil die erforderliche Kühltemperatur nicht mehr zuverlässig erreichen, können sich Werkzeugtemperaturen verändern und Zykluszeiten verlängern (VDI 2007). Bei einem anonymisierten Unternehmen aus der Kunststoffverarbeitung traten unter solchen Bedingungen Qualitätsabweichungen und eine sinkende Maßhaltigkeit auf. Mögliche Folgen sind höherer Ausschuss, Nacharbeit oder im Einzelfall eine Unterbrechung der Produktion.

Das Beispiel zeigt, warum auch scheinbar technisch beherrschte Prozesse auf klimatische Veränderungen reagieren können. Eine Klimarisikoanalyse hilft dabei, solche Zusammenhänge systematisch zu erkennen und geeignete Anpassungsmaßnahmen abzuleiten.

Was leistet eine Klimarisikoanalyse?

Klimarisiken werden grundsätzlich in physische und transitorische Risiken unterschieden. Physische Risiken entstehen durch die direkten Folgen des Klimawandels – etwa Hitze, Starkregen, Hochwasser, Dürre oder Niedrigwasser. Sie können Standorte, Anlagen, Beschäftigte, Produktionsprozesse und Lieferketten unmittelbar beeinträchtigen. Transitorische Risiken ergeben sich dagegen aus dem Übergang zu einer klimaneutralen Wirtschaft, beispielsweise durch neue gesetzliche Anforderungen, CO₂-Preise, veränderte Technologien oder Nachfrageverschiebungen. Für die betriebliche Klimarisikoanalyse stehen vor allem die physischen Risiken im Mittelpunkt; transitorische Risiken sollten jedoch ergänzend berücksichtigt werden.

Eine Klimarisikoanalyse identifiziert systematisch, welche physischen Klimarisiken einen Betrieb gefährden, und bewertet deren mögliche Auswirkungen auf die verschiedenen Betriebsbereiche.

Der Leistungsumfang umfasst typischerweise vier Bereiche: Standortbewertung, Lieferketten-Screening, Anlagen-Vulnerabilität und konkrete Handlungsempfehlungen. Vulnerabilität beschreibt dabei, wie empfindlich ein Standort oder Prozess auf ein bestimmtes Klimaereignis reagiert.

Auch regulatorisch gewinnt die Klimarisiko- und Vulnerabilitätsanalyse an Bedeutung. Die EU-Taxonomie (Verordnung (EU) 2020/852) verlangt für taxonomiefähige Wirtschaftsaktivitäten eine Bewertung physischer Klimarisiken. Unternehmen, die unter die CSRD-Berichtspflicht fallen, müssen klimabezogene Risiken offenlegen. Aber auch jenseits der Pflichtberichterstattung ist das Thema relevant: Der VS-Standard (ehemals VSME), der freiwillige Nachhaltigkeitsberichterstattungsstandard für kleine und mittlere Unternehmen, sieht ebenfalls eine Auseinandersetzung mit Klimarisiken vor. Wer freiwillig nach VS-Standard berichtet, kommt an einer Klimarisikobetrachtung nicht vorbei.

Wir bei MVV Enamic unterstützen Unternehmen dabei, diese Analyse nicht als Pflichtübung zu verstehen, sondern als Grundlage für bessere operative Entscheidungen.

 

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Wie läuft eine Klimarisikoanalyse typischerweise ab?

Eine strukturierte Risikobeurteilung folgt einem klaren Prozess. Das Umweltbundesamt beschreibt die Klimarisikoanalyse in sechs Schritten (Loew et al., 2024, S. 97 ff.):

  1. Untersuchungsobjekte festlegen: Welche Standorte, Anlagen, Prozesse oder Unternehmensbereiche werden betrachtet?
  2. Systemelemente bestimmen: Das Untersuchungsobjekt wird in relevante Bestandteile gegliedert, etwa Gebäude, technische Anlagen, Lieferketten oder Beschäftigte.
  3. Zeithorizont klären: Für welchen Zeitraum werden die Risiken betrachtet? Welche Klimaszenarien werden zugrunde gelegt?
  4. Potenziell relevante Klimagefahren bestimmen: Welche Gefahren sind für den Standort grundsätzlich relevant, etwa Hitze, Dürre, Starkregen, Hochwasser oder Sturm?
  5. Informationen zu den Klimagefahren zusammenstellen: Für die relevanten Gefahren werden geeignete Daten und Projektionen zusammengetragen.
  6. Physische Klimarisiken identifizieren und bewerten: Wie wirken die Klimagefahren auf die einzelnen Systemelemente? Die daraus entstehenden Risiken werden hinsichtlich ihrer Bedeutung bewertet.

Nach der Risikoanalyse folgen Governance, strategisches Management und die Ableitung konkreter Anpassungsmaßnahmen sowie deren Monitoring.

Die folgende Tabelle zeigt, wie eine solche Risikobewertung in der Praxis aussehen kann. Eintrittswahrscheinlichkeit und Ausmaß werden jeweils auf einer Skala von 1 (sehr gering) bis 5 (sehr hoch) bewertet. Der Risikowert ergibt sich aus der Multiplikation beider Werte.

Risikoszenario Risikoart Eintrittswahrscheinlichkeit Ausmaß Dauer Risikowert
Hitzewelle überlastet Kühlung: Fertigungslinie muss zeitweise heruntergefahren werden Physisch, akut 4 – hoch 4 – hoch Kurzfristig, wiederkehrend (Sommermonate) 16
Niedrigwasser reduziert Binnenschifffahrtskapazität: Rohstoffe kommen verspätet oder müssen auf Lkw umgeleitet werden Physisch, chronisch 3 – mittel 4 – hoch Mittelfristig, mehrere Wochen pro Periode 12
Extremwetter beschädigt regionales Stromnetz: Produktionsausfall, IT und Kühlung betroffen Physisch, akut 3 – mittel 5 – sehr hoch Kurzfristig, Stunden bis Tage 15
Starkregen überlastet Entwässerung: Wasser dringt in Lager ein, Waren und Betriebsmittel beschädigt Physisch, akut 4 – hoch 4 – hoch Kurzfristig, Folgeschäden über Tage bis Wochen 16
Trockenperiode schränkt Prozess- und Kühlwasser ein: Produktion gedrosselt oder Aufbereitungstechnik erforderlich Physisch, chronisch 3 – mittel 4 – hoch Langfristig, zunehmend über Wochen bis Monate 12

 

(Vereinfachtes Beispiel auf Basis bestehender Risikobewertungen. Tatsächliche Werte hängen von Standort, Branche und Betriebsstruktur ab.)

Eine Analyse liefert keine exakten Vorhersagen. Sie bewertet Risiken unter bestimmten Annahmen und schafft eine bessere Entscheidungsgrundlage.

Regulatorik ist ein Anlass, aber nicht der einzige Grund

CSRD (Richtlinie (EU) 2022/2464) und EU-Taxonomie (Verordnung (EU) 2020/852) schaffen Berichtspflichten für klimabezogene Risiken. Doch der eigentliche Mehrwert liegt in der operativen Resilienz, nicht im Compliance-Haken.

Wichtig: Nicht alle Unternehmen fallen unter diese Pflichten. Wer unter CSRD oder EU-Taxonomie berichtspflichtig ist, muss Klimarisiken offenlegen. Wer nicht darunter fällt, profitiert trotzdem betriebswirtschaftlich von einer systematischen Risikobewertung. Produktionsausfälle, Lieferkettenunterbrechungen und steigende Versicherungskosten treffen unabhängig von Berichtspflichten. Der GDV beziffert den Anstieg der durchschnittlichen Klimafolgeschäden in Deutschland: von 4 Mrd. Euro jährlich im Zeitraum 2000–2014 auf 10,3 Mrd. Euro im Zeitraum 2015–2024 (GDV, 2025).

Doch steigende Prämien sind nur ein Teil des Problems. Günther Thallinger, damals Mitglied des Vorstands der Allianz SE, warnte im April 2025 öffentlich: „Wir nähern uns schnell Temperaturniveaus von 1,5, 2 und 3 Grad Celsius, bei denen Versicherer viele dieser Risiken nicht mehr abdecken können. Die Rechnung geht nicht mehr auf: Die erforderlichen Prämien übersteigen das, was Menschen oder Unternehmen bezahlen können. Das geschieht bereits heute. Ganze Regionen werden unversicherbar." (Thallinger, zit. nach The Guardian, 2025). Auch Klaus-Peter Röhler, Mitglied des Vorstands der Allianz SE, bestätigte Ende 2025 in einem offiziellen Interview, dass die Grenzen der Versicherbarkeit durch steigende Klimarisiken früher erreicht werden und bestimmte Regionen bereits an Versicherbarkeit verlieren (Allianz, 2025). Für Unternehmen bedeutet das: Wer Klimarisiken nicht kennt und managt, riskiert nicht nur höhere Prämien, sondern mittelfristig den Verlust des Versicherungsschutzes.

Wer nur für Compliance analysiert, verpasst den operativen Nutzen. Compliance ist der Anlass. Resilienz ist der Grund. Einen vertieften Einstieg bietet der Artikel Klimarisikoanalyse: Warum sie für Unternehmen immer wichtiger wird.

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Fazit

Klimarisiken sind operative Betriebsrisiken. Eine Klimarisikoanalyse ist das Werkzeug, um sie zu kennen, zu bewerten und zu managen. Der Rhein-Pegel vom August 2026 zeigt: Das Risiko ist bereits Gegenwart. Wer jetzt handelt, schützt Produktion, Lieferketten und Anlagen, bevor der nächste Extremsommer die Entscheidung erzwingt. Der erste Schritt ist Klarheit über Ihre konkrete Risikolage.

Nächste Schritte

Sprechen Sie mit unseren Energieexperten über Ihre individuelle Klimarisikoanalyse. Im Erstgespräch bewerten wir gemeinsam Ihre Standorte und Betriebsbereiche, identifizieren erste Risikoschwerpunkte und skizzieren mögliche Anpassungsmaßnahmen. Ohne Verpflichtung. Wir bei MVV Enamic begleiten Sie von der Analyse bis zur Umsetzung.

 

Quellenverzeichnis

Topics: Nachhaltigkeit
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